Demokratie oder Hierarchie ?

Dieses Essay wurde 2003 im PI-Magazin veröffentlicht. Es stammt aus der Feder von Jürgen Albers, seinerzeit Chefredakteur der Zeitschrift "au fer".

Die Betrachtungen haben nicht an Aktualität verloren, sie sind zeitlos und allemal lesenswert.

Ein guter Boulefreund hat diesen Artikel kürzlich in seinem Archiv zufällig zu Tage gefördert, und so können diese boulistischen

Betrachtungen nun an dieser Stelle das Licht der Welt wieder erblicken.

Viel Spaß beim Lesen und Nachdenken.


Gelaber oder Kommunikation?

Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, auf Bouleplätzen

geht’s zu wie auf dem Marktplatz. Jeder hat seinen eigenen

Stand, an dem er marktschreierisch um’s blanke

Überleben quatscht.


Petanque ist sicherlich ein kommunikativer Sport, weil es hilfreich ist,

sich untereinander über die jeweils weitere spielerische

Vorgehensweise  insofern abzusprechen.

Das muss so sein.


Sprechen Schwimmer, Kletterer, Boxer, Sprinter, Golfer, Rennfahrer ?

Ja, aber nicht bei der direkten Ausübung ihres Sports,

das würde sie stören, die Konzentration

negativ beeinflussen.


Zurück zum Boule, zur Situation auf dem Terrain, wie sieht’s da aus?

„Wenn jemand im Kreis steht und spielen will, dann herrscht Ruhe!“

Gibt’s das noch? Ohne Druck gar nicht!

Immer seltener wird’s.


Stattdessen die Standards: Wer ist dran? Wie viele Kugeln noch?

Wo ist der Kreis? Das mag ja noch gelten. Aber jetzt kommt’s:

Mein Computer ist abgestürzt, meine Freundin trinkt,

mein Auto verliert Öl.

 

Wir können weiterhin Gelaber mit Kommunikation verwechseln.

Nur zu, man will in der Freizeit in erster Linie Spaß haben.

Vergessen wird dabei: Der Spaß ist das Spiel, oder?

Also, entschieden handeln.


Die Qualität dieses tollen Wettkampfs verflüchtigt sich zusehends.

In aller Ruhe ein schönes Spiel zu Ende zu spielen,

ohne ständige „kommunikative“ Einwürfe,

das wäre doch mal was!

 

 

 


 

 

 

Dem Verein, in dem ich Mitglied bin,

möchte ich nicht angehören.

 

 

 

Ich bin gegen Vereine, weil sie mich einengen, in meinen Entscheidungen, in meinen Vorstellungen,  in meiner Lebensweise.

Also bin ich raus aus dem großen Verein, in dem meine Eltern mich angemeldet haben, ohne mich gefragt haben zu können.

Und auch raus aus der Partei, die mir früher so vorkam, als könne sie vieles verändern, was mir in unserem Land nicht gefiel.

Dann auch geflohen aus den anderen Vereinen, die versuchten, mir Weltanschauung und ästhetische Formeln, Freizeit und Lebensart

vorzusagen. Nur mein Skatverein, der keiner ist und mit mir seit fast 40 Jahren spielt, hat nach wie vor genug Kraft, mich zu ertragen.

 

Ich war schon in zwei Boule-Vereinen und bin jetzt in einem dritten Petanque-Club, und in diesem letzten, kaum zu glauben, will ich auch

bleiben!? Ob dies gelingt, hängt natürlich nicht in erster Linie von mir selbst ab, sondern zu sehr großen Teilen von meinen Mitmitgliedern.

Wie also nun argumentieren, vorgehen, handeln,  um solch schizoides Verhalten zu erläutern? Einige Eckpunkte wären da zu nennen,

die vielleicht erklären helfen, warum man, eigentlich wider besseres Wissen, den Vereinseintritt wagt.

Und damit auch alles Schöne und Gute dieser Welt an einer Stelle erleben darf.

Hier sind sechs Grundsätze für ein gedeihliches und friedvolles Vereinsleben, ohne die die angestrebten Ziele leider nicht erreicht werden:

 

1. Alle im Verein müssen nicht auf alle, aber auf mich Rücksicht nehmen.

2. Wenn ich nicht vereinsfördernd agiere, sollten meine dazu abgegebenen

Erklärungen, Entschuldigungen, Eitelkeiten  (alle, darauf bestehe ich!) ohne jede

Einschränkung akzeptiert werden.

3. Meine sportlichen Leistungen sind zwar nicht (immer) gut, aber auch nicht (so)

schlecht, dass darüber so lange und so ausführlich palavert werden sollte, vor allem

nicht hinter meinem Rücken und so unsachlich (wie immer!).

4. Im  Verein zu sein, heißt ja nur vereint zu sein und nicht, dass alle anderen

mich ständig loben, mich gut finden und mir alles durchgehen lassen sollten.

5. Aber wenn ihr in eurem Laden nicht klar kommen solltet, versucht’s bloß nicht

bei uns, wir sind nämlich kein „Asylantenclub“.  Auch nicht bei anderen Vereinen,

denn die sind alle genau so oder so ähnlich.

6.  Verändert, reformiert, revolutioniert daher eure Boule – Petanque – Anstalten!